Tätigkeitsbericht 2020

Das Jahr 2020 war geprägt von der globalen Coronavirus-Pandemie. Ab 16. März musste die Stiftsbibliothek geschlossen werden. Die bundesweite Ausgangssperre wurde ab 1. Mai wieder aufgehoben, aber das Abstandhalten und das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes wurde zur Pflicht. Ab 21. September folgten neuerliche Beschränkungen, die in einer zweiten und dritten Ausgangssperre im November und Dezember gipfelten. Ein geordneter Betrieb war während des gesamten Jahres nicht möglich. Die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie wirkten sich leider auch nachteilig auf die 2019 begonnene Buchrestaurierungsaktion aus, die großteils über Buchpaten und Spenden finanziert werden muss.

Infolge der Reisesperren nahmen die Fotoaufträge und schriftlichen Anfragen stark zu. Die Zeit der Heimarbeit wurde für die Erstellung eines ersten Findbuchs zu den signierten Handschriften des Stiftsarchivs sowie zur Katalogisierung der signierten Fragmente der Stiftsbibliothek genützt. Die hebräischen Fragmente der Stiftsbibliothek sind jetzt auf der Homepage der National Library of Israel katalogisiert und präsentiert.

Bei der Ausstellung „GehDenkSpuren 2020“ zu den Todesmärschen von Mauthausen-Gusen nach Gunskirchen im April 1945 waren auch Fotos und Dokumente im Hauptsaal der Stiftsbibliothek zu sehen. Es wurden einige Sonderführungen durchgeführt, u.a. am 10. Februar beim „Vernetzungstreffen für die Kulturgüter der Orden“ und am 14. September für die Teilnehmer der Hermann-Stieglecker-Gedächtnistagung. Für den Ausbildungslehrgang Museumskustode/in der Akademie der Volkskultur hielt Friedrich Buchmayr am 23. Oktober für zwei Gruppen das Modul „Zeitreise durch ein Jahrtausend: Stiftsbibliothek und Stiftsarchiv St. Florian“.

Die Nachwirkungen des Wasserschadens vom November 2019 infolge einer missglückten Feuerwehrübung sind langwierig. Durch das sofortige Eingreifen konnte verhindert werden, dass sich im Mauerwerk, in den Holzregalen und -verkleidungen und in den betroffenen 1.000 Büchern Schimmel bildete. Nach einem Sachverständigengutachten wurde mit der Versicherung die weitere Vorgangsweise abgeklärt. Nach der Restaurierung der am schwersten beschädigten Bücher konnte am 30. September mit der Rückstellung begonnen werden, die noch nicht abgeschlossen ist. Auch die Restaurierungen weiterer beschädigter Bücher sind noch im Gange.

Die Inkunabel ‚Actus sacerdotales“ des Wiener Druckers Winterburger von 1500 (X 163 A) stellte sich als Weltunikat heraus und wurde digitalisiert. Auch eine in Lyon 1550 gedruckte französische Bibel (VII 1187 A) dürfte ein Weltunikat sein. Nina Simogawetz behandelte in ihrer Diplomarbeit „Lapidarien im deutschen Sprachgebiet“ (Univ. Graz) u.a. das ‚St. Florianer Steinbuch‘ (XI 37) vom Anfang des 15. Jahrhunderts.

Ein im Zuge der Reinigungsarbeiten 2018 aufgetauchtes Einbandfragment wurde von den beiden Entdeckern wissenschaftlich bearbeitet: Friedrich Buchmayr / Clemens Kafka, Ein Fragment des ‚Rechtsbuchs Kaiser Ludwigs des Bayern von 1346‘, in: Codices manuscripti & impressi, Heft 121/122, November 2020, S. 11–16. Friedrich Buchmayr publizierte den Aufsatz „Einblicke in klösterliche Archive und Bibliotheken am Beispiel von St. Florian“, in: Petra-Maria Dallinger, Georg Hofer (Hg.), Logiken der Sammlung. Das Archiv zwischen Strategie und Eigendynamik, Berlin/Boston 2020 (Literatur und Archiv, Bd. 4), S. 117–130. Gemeinsam mit Walter Wagner publizierte Friedrich Buchmayr den Aufsatz „Die Pariser Polyglottbibel der Stiftsbibliothek St. Florian“, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Buchforschung in Österreich 2020-1, S. 7–18. Bernhard Prokisch veröffentlichte zusammen mit Friedrich Buchmayr den Aufsatz „Ein Fund von Benediktusmedaillen aus dem Stift St. Florian“, in: Jahrbuch der Gesellschaft für Landeskunde und Denkmalpflege Oberösterreich 165 (2020), S. 279–296.

Im Stiftsarchiv wurde die Katalogisierung des Nachlasses von Stiftsarchivar, Stiftsbibliothekar und Kustos Karl Rehberger abgeschlossen, der 45 Archivschachteln umfasst. Vom 13. bis 15. September konnte im Stift St. Florian die dritte „Hermann Stieglecker-Gedächtnistagung“ stattfinden, die vom Forum für Weltreligionen in Zusammenarbeit mit dem Institut für Orientalistik der Universität Wien organisiert wurde und internationale Experten unterschiedlicher Fachrichtungen zusammenführte. Philipp Bruckmayr publizierte einen ersten biografischen Aufsatz über den einstigen Professor an der Hauslehranstalt des Stiftes St. Florian: „Hermann Stieglecker (1885–1975) – Pionier einer wohlwollenden Auseinandersetzung mit dem Islam“, in: Petrus Bsteh, Brigitte Proksch (Hg.), Wegbereiter des interreligiösen Dialogs, Band 3, Wien 2020 (Spiritualität im Dialog, Bd. 11), S. 109–126.

Harald Hofer schloss nach umfassenden Quellenforschungen in Stiftsbibliothek und Stiftsarchiv seine Masterarbeit „Die Visitationen im Stift St. Florian in den Jahren 1419 und 1451“ an der Univ. Wien ab. Bernadette Maria Kerschbaummayr legte an der Kath. Theol. Privatuniv. Linz ihre Dissertation „‚Sammlungsgeschichte(n) zur Grafik‘. Die Grafiksammlung des Stiftes St. Florian“ vor, in die viele Quellen aus Stiftsbibliothek und Stiftsarchiv eingearbeitet sind.

Für die Internetplattform Bruckner-Online der ÖAW, die ständig erweitert wird, waren wiederholt wissenschaftliche Recherchen im Musikarchiv durchzuführen. Vom 12. bis 14. Juni kam Elisabeth Hilscher zu einem Blockseminar des Instituts für Musikwissenschaft der Univ. Wien nach St. Florian, das dem Thema der Bruckner-Rezeption gewidmet war. Im Oktober wurde das gesamte Brucknerarchiv in 33 neue, säurefreie, ungefärbte Archivschachteln umgelagert.
Friedrich Buchmayr wirkte ehrenamtlich als wissenschaftlicher Berater für einen Jubiläumsfilm über die Sängerknaben von Regisseur Manfred Corrine mit, für den auch Dreharbeiten im Hauptsaal der Stiftsbibliothek (mit dem Sängerknaben Anton Bruckner) stattfanden. Der Film wurde am 8. Dezember erstmals auf ORF III gezeigt.