Tätigkeitsbericht 2019

Die Reinigung der Bücher und Regalböden im Hauptsaal der Stiftsbibliothek, die im Sommer 2018 begonnen hatte, wurde im Sommer 2019 zu Ende geführt. Dem Team gehörten wieder Bibliotheksleiter Friedrich Buchmayr, der Kleriker Clemens Kafka und der Praktikant Harald Hofer an. Mit Unterstützung durch einen weiteren Praktikanten und acht freiwillige Helferinnen und Helfer (darunter Schauspieler Gerhard Brössner) konnten vom 1. Juli bis zum 2. August die restlichen Bücher im Hauptsaal gereinigt und begutachtet werden. Bei weiteren 486 Bänden waren Schäden festzustellen, in der Hauptsache Licht- und Wärmeschäden aus vergangenen Zeiten ohne Sonnenschutz an den Fenstern. Damit ergibt die Gesamtbilanz für den Hauptsaal 1.986 beschädigte Bücher. Erfreulicherweise fand sich auch weiterhin kein aktiver Nagekäferbefall („Bücherwurm“). Am 8. Juli unterstützte Projektbetreuerin Patricia Engel (Donauuniversität Krems) mit Studentinnen die Aktion. Zuletzt konnten die zwischenzeitlich ausgelagerten Karten und Pläne wieder in die Querkästen des Hauptsaals eingeordnet werden.

Im März 2019 erteilte das Bundesdenkmalamt einen positiven Bescheid zur vorgeschlagenen Vorgangsweise bei der Restaurierung der unterschiedlichen Einbandmaterialien (vegetabil gegerbtes Leder, Pergament, alaungegerbtes Leder). Damit konnte mit den eigentlichen Buchrestaurierungen begonnen werden, die großteils über Buchpaten und Spenden finanziert werden sollen. Die Zuteilung der Arbeitsaufträge an die ausgewählten Buchrestauratorinnen erfolgt nach Maßgabe der finanziellen Mittel, wobei den Büchern der höchsten Dringlichkeitsstufe der Vorrang eingeräumt wird. Bis zum Jahresende 2019 konnten bereits mehr als ein Dutzend Bände restauriert werden. Den Buchpaten, an die Lesezeichen in den entsprechenden Büchern dauerhaft erinnern, wurde mit einem vorweihnachtlichen Schreiben und einer Dokumentation zum geförderten Band gedankt.

Im Zuge der Reinigungsarbeiten kamen auf Einbänden zwei Fragmente der Riesenbibel von St. Florian (um 1140) zum Vorschein, die ab Juni im Rahmen der Führungen in der Stiftsbibliothek besichtigt werden konnten. Die wissenschaftliche Aufarbeitung leisteten die beiden Entdecker Friedrich Buchmayr und Clemens Kafka im gemeinsamen Aufsatz „Zwei neue Fragmente der Riesenbibel von St. Florian“, in: Codices manuscripti & impressi, Heft 114/115, April 2019, S. 1–8.

In der Radio-Sendereihe „Moment – Leben heute“ (ORF Ö 1) kam Friedrich Buchmayr am 20. Jänner in einer Folge, die dem Thema „Staub“ gewidmet war, ausführlich zu Wort. Aus dem Dublettenbestand der Stiftsbibliothek konnten der Bibliothek der Gesellschaft für Landeskunde und Denkmalpflege 18 Bände des Musealverein-Jahrbuchs aus den Jahren 1835 bis 1919, die dort verlorengegangen waren, zur Verfügung gestellt werden. Die Bibliothek will sich mit einer Buchpatenschaft dafür erkenntlich zeigen. Prof. Nicholas Pickwoad (London) analysierte im September mit Studenten der Ligatus Summer School 27 seltene historische Einbände aus dem Hauptsaal der Stiftsbibliothek. Am 29. November kam es infolge einer Feuerwehrübung zu einem Wasserschaden in der Bibliothek. 1.000 Bücher mussten aus den Regalen geräumt werden. Der dadurch entstandene Schaden wird derzeit abgeklärt.

Es gab mehrere Sonderführungen zu halten, u.a. am 12. Juli für den Verbund der OÖ. Museen und am 16. September für die Teilnehmer der Hermann-Stieglecker-Gedächtnistagung. Für den Ausbildungslehrgang Museumskustode/in der Akademie der Volkskultur hielt Friedrich Buchmayr am 10. Mai das Modul „Zeitreise durch ein Jahrtausend: Stiftsbibliothek und Stiftsarchiv St. Florian“. Die Handzeichnungen, die der New Yorker Architekt und Künstler Justin Wadge von der Stiftsbibliothek angefertigt hat, waren heuer in der Bibliotheca Valicelliana in Rom ausgestellt.

Im Stiftsarchiv konnte der Stipendiat Philipp Bruckmayr sein Forschungsprojekt über den Orientalisten Hermann Stieglecker (1885-1975), der als Professor an der Hauslehranstalt des Stiftes St. Florian gewirkt und das bedeutende Werk „Die Glaubenslehren des Islam“ (1962) publiziert hat, abschließen. Vom 15. bis 17. September fand im Stift St. Florian die zweite „Hermann Stieglecker-Gedächtnistagung“ statt, die vom Forum für Weltreligionen in Zusammenarbeit mit dem Institut für Orientalistik der Universität Wien organisiert wurde und internationale Experten unterschiedlicher Fachrichtungen zusammenführte.

Aus Pulgarn bei Steyregg kamen neun Schachteln mit Akten der Guts- und Forstverwaltung Pulgarn in das Stiftsarchiv. Mitarbeiter der National Gallery of Art in Washington übermittelten bei ihrem Arbeitsbesuch farbige Digitalfotos der Glasgemälde des Stiftes St. Florian, die im Rahmen des „Führerprojekts Monumentalmalerei“ zwischen 1943 bis 1945 angefertigt worden waren.

Auf Einladung des Stifterhauses Linz nahm Friedrich Buchmayr vom 24. bis 26. April an der Tagung „Logiken der Sammlung“ der österreichischen Literaturmuseen teil und referierte über klösterliche Bibliotheken und Archive.

Im Musikarchiv führte Klaus Petermayr (Anton Bruckner Institut Linz) seine Vorarbeiten zur Edition der kirchenmusikalischen Aufführungsverzeichnisse St. Florians fort. Im Hinblick auf das Bruckner-Jubiläumsjahr 2024 (200. Geburtstag) ist 2018 von den Kulturabteilungen der Stadt Linz und des Landes Oberösterreich ein breit angelegter Anton-Bruckner-Markenbildungsprozess ins Leben gerufen worden. Die beiden letzten Workshops, an denen wieder Friedrich Buchmayr teilnahm, fanden in St. Florian (21. Jänner) und Linz (16. Juli) statt. Bei der Generalversammlung des Anton Bruckner Instituts Linz (ABIL), dem Friedrich Buchmayr als Beirat angehört, wurde die Übernahme und weitere Betreuung der Bestände durch die Musiksammlung des OÖ. Landesmuseums beschlossen, an deren Spitze der wissenschaftliche Leiter des ABIL, Klaus Petermayr, treten wird. Das ABIL bleibt aber als eigenständiger gemeinnütziger Verein erhalten.

Friedrich Buchmayr präsentierte beim Internationalen Symposion „Anton Bruckner und die Frauen“ im Brucknerhaus Linz am 4. Oktober sein neues Buch „Mensch Bruckner! Der Komponist und die Frauen“ (Salzburg 2019). Das Vorwort steuerte der renommierte Musikwissenschaftler Hans-Joachim Hinrichsen bei. Weitere Präsentationen fanden am 7. November im Stift St. Florian (mit musikalischer Begleitung von Severin Trogbacher) und am 9. Dezember im Kepler-Salon Linz (Moderation: Karin Wagner) statt. Friedrich Buchmayr nahm auch am 8. Oktober an der Tagung zum 90-Jahr-Jubiläum der Internationalen Bruckner-Gesellschaft in Wien teil.

Am 18. August präsentierten Elisabeth Maier und Renate Grasberger im Rahmen der St. Florianer Brucknertage den abschließenden Band Ihres Katalogs „Die Bruckner-Bestände des Stiftes St. Florian, Teil 3: Bruckneriana und Musikalia in Nachlässen“ (Wien 2019). Der Band enthält zwei Beiträge von Friedrich Buchmayr über „Die Korrespondenz Franz Xaver Müllers“ (S. 216–329) und über „Die ‚Rehberger-Schachtel‘ im Brucknerarchiv des Stiftes St. Florian“ (S. 330–339). Luis Fonseca edierte beim Verlag DA_sh Editions (Madrid) das Klavierquintett D 667 in A-Dur (Forellenquintett) in der Stadler-Fassung, die im Musikarchiv aufbewahrt wird.

Mit Leihgaben aus den Sammlungen war das Stift St. Florian wieder an mehreren Ausstellungen beteiligt:

• Kaiser Maximilian I.: Kaiser – Reformer – Mensch (Stadtmuseum Wels)

• Compass – Navigating the Future (Ars Electronica Center Linz)

Mit 12. September übernahm der neue Kustos Harald R. Ehrl die Leitung der Kunstsammlungen. Die wissenschaftliche Leitung von Stiftsbibliothek und Stiftsarchiv bleibt in den Händen von Friedrich Buchmayr. Kustos Ehrl gestaltete eine Sonderausstellung zum Thema „Peter III. & Maximilian I. – Ein Florianer Propst und sein Kaiser“, bei der viele Originale aus der Stiftsbibliothek und dem Stiftsarchiv zu sehen waren, und eine buchgeschichtliche Begleitausstellung in der Stiftsbibliothek zur Schau „Welt der Steine“ (13./14. April) der LEGO© Gemeinschaft Österreich.

Friedrich Buchmayr nahm am 19. September an der Eröffnung der Ausstellung „Das stille Vergnügen“ im Nordico Stadtmuseum Linz teil. Er publizierte im Begleitkatalog „Das stille Vergnügen: Meisterzeichnungen aus der Sammlung Justus Schmidt, hrsg. von Andrea Bina und Brigitte Reutner, München 2019, S. 35–42 den Aufsatz „Die Pariser Kunstankäufe von Justus Schmidt“.